Deutsch für den Beruf in den Niederlanden: eine Erfolgsstory

Bis vor zwei Jahrzehnten haben sich die Deutschen immer gewundert, warum die Niederländer die deutsche Sprache so gut beherrschen. Das hat sich seitdem gravierend geändert. Für viele Jugendliche, besonders Jugendliche in der beruflichen Bildung, ist Deutsch eine unbekannte Sprache geworden. Um 2010 kam von Deutschlehrern an den berufsbildenden Schulen (in etwa vergleichbar mit den deutschen Berufskollegs) immer öfter die Warnung: Deutsch als  Fremdsprache droht ganz aus unseren Ausbildungen zu verschwinden! 2012 entstand dann die Initiative „Duits in de beroepscontext (etwa: Deutsch im beruflichen Kontext). Diese Initiative setzte sich folgende Zielsetzungen:

  • Deutsch soll wieder eine prominente Stelle in den Lehrplänen der Berufsausbildungen erreichen.
  • Es sollen berufsbezogene Lehrmaterialien für den Deutschunterricht entwickelt werden, wobei Berufsunterricht und Sprachunterricht direkt mit einander verbunden werden können, damit die Jugendlichen die Relevanz der deutschen Sprache für ihren Beruf erkennen.
  • Es soll ein klarer einheitlicher Niveaustandard entwickelt werden, der auch in der Wirtschaft anerkannt wird. Diese letzte Zielsetzung erreichen wir nur in enger Kooperation mit dem Goethe Institut.

Um diese Ziele zu erreichen wurde eine Kampagne gestartet, die Politiker, Wirtschaft und Manager der berufsbildenden Schulen bewusst machen sollte, wie wichtig die Beherrschung der deutschen Sprache durch Fachkräfte für die niederländische Wirtschaft ist.  Dabei musste immer wieder betont werden, dass Deutschland mit Abstand unser wichtigster Handelspartner ist. In den Schaubildern wird dieses noch mal klar. Zusätzlich: Nordrhein-Westfalen und die Niederlande sind die gegenseitig wichtigsten Handelspartner. Das niederländische Exportvolumen nach NRW allein ist schon viermal größer als das nach China.

Diese Kampagne bewirkte in einigen Jahre eine rasante Änderung der Lage. Die Initiative machte schlau Gebrauch von einer Gesetzesänderung in der beruflichen Bildung im Jahr 2013. Das neue Phänomen ‚Wahlmodul‘ wurde von der Initiative aufgegriffen für die Entwicklung von Wahlmodulen Duits in de beroepscontext (auf den GER-Niveaus A2 und B1).  Aus den Hunderten von Wahlmodulen die momentan angeboten werden, steht Duits in de beroepscontext A2 jetzt ganz oben auf Platz 4. Auch Duits in de  beroepscontext B1 darf sich sehen lassen: Platz 8.

Die Deutschlehrer an den berufsbildenden Schulen haben sich in einem immer größeren Netzwerk verbunden und haben jetzt auch eine eigene professionelle Webseite zu ihrer Verfügung: http://duitsmbo.nl.

Die Initiative wurde in den letzten Jahren vom Wirtschaftsministerium  finanziell unterstützt. Das Bildungsministerium hat angeboten, die Initiative inhaltlich zu beraten und zu unterstützen und das in einem offiziellen memorandum of understanding festgelegt.

Seit ihrem Entstehen hat die Initiative ständig Kontakte mit dem Goethe-Institut in den Niederlanden gepflegt. Seit Juni 2016 ist auch eine direkte Beziehung entstanden zur Zentrale des Goethe-Instituts in München. Mit diesen Partnern wurde eine eigenständige Examenssystematik entwickelt, die das Goethesiegel trägt. Schüler in den berufsbildenden Schulen können sich für ein Examen auf Niveau A2 oder B1 anmelden.

Das Examen besteht aus folgenden Teilen:

  • Der Teil Lesen und Hören wird mit dem neuen Goethe-Test Pro absolviert.
  • Der Teil Schreiben wird mit einem berufsbezogenen Test absolviert, der von den Partnern gemeinsam entwickelt wurde und auch weiterhin entwickelt werden soll.
  • Die Teile Sprechen/Gespräche führen werden durch Tests geprüft, die eigens für diese Systematik entwickelt wurden und auch weiterhin entwickelt werden sollen, gleichfalls in direkter Kooperation mit dem Goethe-Institut.

Im Mai, Oktober und Dezember 2017 haben die Partner gemeinsam einen erfolgreichen Pilot bei 120 niederländischen Schülern (Alfa College Hoogeveen, Aventus Deventer, RijnIJssel Arnhem, ROC Nijmegen und Koning Willem I College Den Bosch) in der beruflichen Bildung durchgeführt. Die ersten Pilotprüfungen wurden im Juni von der Zentrale des Goethe Instituts wissenschaftlich analysiert und bewertet. Was zu einer Reihe von Entwurfverbesserungen führte.

Ende Oktober 2017 wurde eine Stiftung Deutsch im beruflichen Kontext gegründet. Dafür wurde von einer Lenkungskommission, die aus Spitzendirektoren in der beruflichen Bildung besteht, grünes Licht gegeben. Die Stiftung hat einen einflussreichen Beirat: das Goethe-Institut Niederlande und der Dachverband der berufsbildenden Schulen in den Niederlanden, der MBO-Raad, sind in diesem Beirat vertreten.

Es gibt noch eine ganze Reihe praktische Sachen, die zu leisten und in Vorbereitung sind. U.a.: Kandidaten bekommen ein Zertifikat (bzw. bei Nichtbestehen eine Teilnahmebescheinigung), das (die) gerade in Absprache mit dem Goethe-Institut Amsterdam vorbereitet wird. Ab April 2018 läuft diese Prozedur direkt über die neue Stiftung.

Auf der Basis des Pilots wurden Materialien und Prozesse verbessert, so dass ab etwa April 2018 neue Tests verfügbar sind. Dafür wurde eine Testentwicklergruppe aufgebaut, trainiert und zertifiziert, die ihre Arbeit direkt unter Regie der Stiftung macht.

Wir sind in regelmäßigem Kontakt mit dem Bildungsministerium, damit die Entwicklung unserer Examenstruktur im Gleichschritt mit den nationalen Innovationen im Bereich der Examen im MBO stattfindet.

2017 haben am ROC Aventus in Deventer bzw. Friesland College in Heerenveen mehrere Sitzungen stattgefunden mit den Vertretern der ROCs, die sich fürs Schuljahr 2017-2018 angemeldet haben. Auch das GI Amsterdam hat sich hier aktiv beteiligt.

Kontrakte zwischen Goethe München/Amsterdam und der Stiftung Duits in de beroepscontext wurden ab 30.6.2017 vorbereitet und im Herbst unterschrieben.

Berufsbildende Schulen konnten sich seit Januar 2017 anmelden, um im Schuljahr 2017-2018 als Mitglied an dieser Examenssystematik teil zu nehmen. Von den 42 berufsbildenden Schulträgern haben sich jetzt 15 angemeldet.

Das Ziel ist, ab April 2018 mindestens 2000 Schüler nach dieser Systematik zu prüfen. Das Ziel ist weiter, ab 2019 pro Jahr etwa 5000 Schüler, die unserem Standard gerecht werden, auf A2 oder B1 zu zertifizieren.